/Wie die Kliniken vorsorgen und was Ärzte jetzt fordern

Wie die Kliniken vorsorgen und was Ärzte jetzt fordern


Das Coronavirus ist nach wie vor in keinster Weise unter Kontrolle, die Fallzahlen steigen noch immer exponentiell an. Die kommende Woche wird zu einer Belastungsprobe für Krankenhäuser, Ärzteschaft und Pflegekräfte in Berlin und in ganz Deutschland.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprach auf einer Pressekonferenz am Donnerstag von einer „Ruhe vor dem Sturm“.

In Kürze wird sich zeigen, ob die Verantwortlichen die Zeit, die das Virus gebraucht hat, um sich in Deutschland weit zu verbreiten, sinnvoll genutzt haben, um Zuständen wie in Italien, Spanien oder Teilen Frankreichs zu verhindern. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie gut ist das Land vorbereitet?

Die Botschaft, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag verkünden will, ist klar: Für den ersten Ansturm ist das Gesundheitssystem jetzt gewappnet. Bei allen Problemen, den lange bekannten wie den täglich neu auftretenden, stehe von den Testlaboren bis zur Zahl der Intensivbetten ein System zur Verfügung, „wie es das in kaum einem anderen Land gibt“.

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Diesen Grundoptimismus des CDU-Politikers teilen die Experten, die im gebührenden Abstand mit ihm auf dem Podium sitzen. Deutschland habe anders als etwa Italien mehrere Wochen lang geringe Fallzahlen und deshalb Zeit gehabt, sich vorzubereiten, lautet der Tenor.

Zudem habe man eine bessere Datenlage. Allein in der letzten Woche seien zwischen 300.000 und einer halben Million Menschen auf das Coronavirus getestet worden, sagt Spahn. Das sei in absoluten Zahlen wie im Verhältnis zur Bevölkerung weltweit einmalig.

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Allerdings arbeiten die Labore schon auf Anschlag. Die Kapazitäten im Bereich der Kassenärzte könnten von aktuell 250.000 auf vielleicht 360.000 Tests pro Woche gesteigert werden, berichtet der Chef der Kassenarzt-Bundesvereinigung KBV, Andreas Gassen; dazu kommen die Kliniklabore. Allerdings sei der Nachschub an Testmaterial weltweit begrenzt.

Deshalb wird jetzt nur noch gezielt getestet, etwa bei Symptomen oder medizinischem Personal. Spahn und Gassen bitten alle Bürger um Verständnis: „Wir müssen gezielter testen“, sagt der Minister. „Sobald wir einen Schnelltest haben, der gut ist, werden wir ihn nutzen.“ Bisher schlügen die aber noch zu oft falsch an.

Trotzdem bleiben die Experten bei ihrem Optimismus. In Deutschland seien aktuell mehr Intensivbetten frei als Italien überhaupt habe, sagt Susanne Herold, Chefin der Infektiologie am Uniklinikum Gießen. Auch ihr Haus hat aufgerüstet, besonders mit Beatmungsmöglichkeiten. „Ich hab’n gutes Gefühl, dass wir das stemmen können“, sagt die Ärztin. Aber was genau dieses „das“ sein wird, weiß niemand.

„Wir sind erst am Anfang“, betont der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wiehler. „Die Zahlen werden ansteigen.“ Er und sein Haus erleben gerade viel Kritik und üble Angriffe. Aber da müsse man durch: „Das ist keine Zeit für Dilettanten, das ist eine Zeit für Profis.“

Welche Herausforderungen kommen auf die Berliner Kliniken zu?

Nach den Erfahrungen aus China und Italien erwarten Berlins Intensivmediziner, dass rund fünf Prozent der Infizierten eine intensivmedizinische Versorgung benötigen und von diesen wiederum die Hälfte versterben werde. Rund 30 Prozent des medizinischen Personals könne sich infizieren.

Da für die Intensivbehandlung und Beatmung speziell geschultes Personal nötig sei, sei die Personalausstattung ein die Behandlungskapazitäten stark limitierender Faktor. Deshalb sei jetzt die Zeit, dringend nötiges Personal nachzuschulen. Derzeit werden von den mit dem Coronavirus infizierten Berlinerinnen und Berlinern 208 im Krankenhaus behandelt, davon 38 intensivmedizinisch, nach Tagesspiegel-Informationen unter anderen in der Charité, im DRK-Klinikum Westend, im Sana-Klinikum Lichtenberg und im Unfallkrankenhaus.

Wie sorgen Berlins Krankenhäuser für den zu erwartenden Ansturm von Infizierten in den kommenden Tagen vor?

Die Intensivmediziner der Stadt haben einen Maßnahmenkatalog zur „Sicherstellung der akuten intensivmedizinischen Versorgung im Epidemiefall Covid-19 für das Land Berlin“ erarbeitet. Danach werden die Krankenhäuser, die über Intensivbetten verfügen, in drei Level eingeteilt. Das Level-1-Zentrum, das die gesamte Intensivversorgung von Covid-19-Patienten koordiniert, ist die Charité.

Dort gibt es ein Zentrum, das auf die Behandlung von akutem Lungenversagen spezialisiert ist, einem der gefährlichsten Symptome einer Covid-19-Erkrankung.

Patienten, die wegen einer Erkrankung mit Covid-19 intensivmedizinisch behandelt werden müssen, sollen in einer ersten Eskalationsstufe vor allem an dem Universitätsklinikum konzentriert werden. Das Charité-Zentrum koordiniert, wenn nötig, die Verlegung von Covid-19-Patienten an die weiteren dafür vorgesehenen 16 Krankenhäuser in Berlin – die Level-2-Kliniken.

Dazu gehören zum Beispiel das Unfallkrankenhaus, mehrere Vivantes-Standorte, das St. Joseph- und das Sankt Gertrauden-Krankenhaus, das Helios Klinikum Berlin-Buch und die Caritas Klinik Pankow. Die Level-3-Kliniken, die ebenfalls über Intensivbetten verfügen, sollen keine Covid-19-Patienten behandeln, sondern sich auf die Versorgung anderer Intensivpatienten konzentrieren. Dazu zählen rund 20 weitere Krankenhäuser der Stadt, die auch eine Notaufnahme haben.

Sollten in einer zweiten Eskalationsstufe die bisherigen Kapazitäten nicht mehr ausreichen, werden weitere Intensivbetten freigemacht und dort bisher behandelte Intensivpatienten, die nicht an Covid-19 erkrankt sind, in Level-3-Kliniken verlegt.

Um die allgemeine Notfallversorgung nicht zu gefährden, sollen jedoch mindestens 40 Prozent der Kapazitäten zur Intensivbehandlung in den Level-1- und -2-Krankenhäusern für Patienten ohne Covid-19 erhalten bleiben. In der 3. Stufe müssen dann auch die Level-3-Klinken Covid-19-Patienten versorgen.

Für eine vierte und letzte Eskalationsstufe, in der die Klinikkapazitäten für den Patientenansturm nicht mehr ausreichen, müsse man zusätzliche Beatmungskapazitäten außerhalb der Intensivstationen der Berliner Aufnahmekrankenhäuser schaffen. Das könnten Aufwachräume, Normalstationen oder neu geschaffene Einrichtungen.

Auch wenn in dem Konzept davon nicht explizit die Rede ist, gehört das Covid-19-Krankenhaus, das in den nächsten Wochen unter der Leitung des Berliner Ex-Landesbranddirektors Albrecht Broemme auf dem Messegelände an der Jafféstraße entstehen soll, zu solchen zusätzlichen Einrichtungen.

Wie sieht es mit der Personalausstattung in den Kliniken aus?

Experten sind sich einig, dass weniger die technische Ausstattung der Kliniken das Hauptproblem darstellt, sondern die Verfügbarkeit von Ärzten und besonders qualifizierten Pflegekräften.

Hier reißen die Quarantäneregeln für Personal, das Kontakt mit Coronavirus-infizierten Patienten hatte, derzeit immer größere Lücken.

Unter dem zunehmenden Druck, ausreichend Personal bereitzuhaben, um dem erwarteten Patientenansturm gerecht zu werden, weichen Krankenhäuser von der bis dato geltenden Regel, dann das Personal für 14 Tage in die häusliche Quarantäne zu schicken, ab. So darf das Personal in den neun zum Vivantes-Konzern gehörenden Berliner Krankenhäusern nach einem Kontakt mit infizierten Patienten weiterarbeiten, solange sie keine Erkrankungssymptome zeigen.

„Allerdings nur mit entsprechender Schutzausrüstung und engem persönlichen Monitoring der eigenen Gesundheit“, sagt die Pressesprecherin des landeseigenen Konzerns, Kristina Tschenett dem Tagesspiegel. „Bei den ersten Krankheitssymptomen erfolgt ein Test in eigens für unsere Mitarbeiter eingerichteten Abstrichstellen, um Covid-19 auszuschließen.“ Sollte der Test positiv sein, folge eine 14-tägige Quarantäne.

Derzeit befinde sich allein bei den Vivantes-Kliniken „eine mittlere zweistellige Zahl von Ärzten und Ärztinnen in Quarantäne“, sagt Tschenett.

Andere Kliniken halten sich derzeit noch an die 14-Tage-Regel, wie eine Umfrage des Tagesspiegel ergab. Das RKI hat seine Empfehlungen für medizinisches Personal mittlerweile auf Situationen angepasst, in denen der Personalengpass in einer Klinik so groß ist, dass „die adäquate Versorgung der Patienten nicht mehr möglich“ ist.

Dann gilt: Hatte das Personal ungeschützten Kontakt zu einem infizierten Patienten, könne es – mit Mund- und Nasenschutz – weiterarbeiten, solange es keine Symptome einer Erkrankung mit Covid-19 zeige. Allerdings sollten die Betroffenen „wenn möglich“ nicht schwerkranke Patienten versorgen.

In diesen zwei Wochen sollen die Mitarbeiter ihren Gesundheitszustand selbst beobachten und dokumentieren. „Beim Auftreten von Symptomen“ soll es eine „umgehende Testung“ auf das Coronavirus geben. Also genau so, wie es Vivantes derzeit schon praktiziert.

Was tut der Senat, um den Schutz für Ärzte und Pfleger zu organisieren?

Krankenhäuser, Heime und Praxen brauchen dringend Schutzmaterial, im Abgeordnetenhaus sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD): „Wir haben das Geld für die Anschaffung, es sind aber keine Bestände da.“ Nachdem sechs Millionen Schutzmasken, die das Bundesgesundheitsministerium auf dem Weltmarkt bestellt hatte, offenbar gestohlen wurden, ist man im Senat vorsichtig: „Es kann sein, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen Lieferungen bekommen.“

Die Kalayci zufolge in dieser Woche in Berlin eingetroffenen 95000 Einmalhandschuhe und 100 000 Atemmasken werden derzeit verteilt.

Zum Einordnen: In Berlins Gesundheitswesen sind circa 45 000 Pflegekräfte, 25 000 Ärzte und tausende Assistenten tätig. Und die Zahl der Infizierten, damit auch die Gefahr der Ansteckung, steigt. Die Charité kündigte an, 135 neue Intensivbetten für Covid-19-Patienten einzurichten. Zu Jahresbeginn gab es in ganz Berlin 1045 solcher Betten mit Beatmungsgeräten, mittelfristig sollen es 2000 Betten werden.

Was beurteilen die Betroffenen in Praxen und Kliniken die Lage?

Mehr als 100 von 9000 Berliner Arztpraxen sind aus Quarantäne-Gründen geschlossen. In einem Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) warnte die zuständige Kassenärztliche Vereinigung: „Jeden Tag behandeln die Vertragsärzte ungeschützt Patienten, die zunehmend auch infiziert sind oder es sein könnten.“

Grafik: Tagesspiegel/Cremer

Unter Ärzten wird darüber diskutiert, die Versorgung durch ideenreiches Krisenmanagement zu sichern: Sibylle Katzenstein betreibt eine Praxis in Neukölln und hat sich auf fehlende Masken und Handschuhe eingestellt. In der Praxis gibt es eine Spezialtür mit Durchreiche; dahinter steht ein Mitarbeiter, von dem die Patienten entsprechende Testkits erhalten, um sich selbst zu testen.

Die Medizinerin gibt anschauliche Anleitungen mit, damit die Patienten fachlich korrekt selbst Proben entnehmen. Durch die Glasscheibe in der Spezialtür ließe sich ein erster Eindruck vom Zustand der Patienten gewinnen, sagte Katzenstein.

Nach welchen Kriterien entscheiden die Ärzte, wenn die Anzahl der Patienten die verfügbaren Kapazitäten übersteigt?

In dem Falle müssen die Ärzte in den Kliniken in Deutschland auswählen, welche schwer kranken Patienten intensivmedizinisch behandelt werden können und welche nicht oder nicht mehr. Doch anders als zum Beispiel in den besonders betroffenen Krisenregionen in Frankreich soll das bloße Alter nicht der entscheidende Faktor für eine solche Entscheidung sein.

Am Donnerstag veröffentlichten sieben medizinische Fachgesellschaften aus Deutschland einen Empfehlungskatalog für ein solches Szenario. Dann müsse „analog der Triage in der Katastrophenmedizin“ vorgegangen werden, heißt es in dem Papier, um über die Verteilung der begrenzt verfügbaren Ressourcen zu entscheiden.

Die Auswahl der Patienten, die behandelt werden können, solle sich am Kriterium der klinischen Erfolgsaussicht orientieren. „Vorrangig werden dann diejenigen Patienten klinisch notfall- oder intensivmedizinisch behandelt, die dadurch eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit oder eine bessere Gesamtprognose haben.“

Das könne auch bedeuten, dass bei Patienten bereits eingeleitete intensivmedizinische Maßnahmen beendet werden, um einen anderen mit der besseren Prognose behandeln zu können. Die Autoren stellen klar, dass eine Auswahl nicht nur innerhalb der an Covid-19 erkrankten Patienten erfolgen dürfe.

Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und einer der Verfasser der Handreichung, sagte am Donnerstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Spahn, „im Moment nicht“ sehe er nicht, dass die Situation hierzulande ähnlich dramatisch werden könnte, wie in Italien oder Frankreich. Die Empfehlungen des Papiers würden laufend angepasst.

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