/MAGAZINRUNDSCHAU: Lasst den Himmel Kartoffeln regnen

MAGAZINRUNDSCHAU: Lasst den Himmel Kartoffeln regnen


Auf manchen Pazifikinselns können Einsiedlerkrebse hundert Jahre alt und ein Meter breit werden. Aber sie sind gar keine Einsiedler, sondern sehr gesellige Lebewesen, und ihr Sozialleben ist so vielschichtig geordnet, dass die Politik an einem Renaissance-Hof dagegen wie ein Kinderspiel aussieht, schreibt Katherine Rundell. Leider wird auch der Krebs bald ein Opfer menschlicher Dummheit oder auch des Unvermögens: „Die Kokusnuss-Krabbe, eine sehr seltene Art der Einsiedlerkrebse, ist vor allem deshalb vom Aussterben bedroht, weil ihr Fleisch für ein Aphrodisiakum gehalten wird. In diesem Glauben, ganz wie bei Tigerkralle und Nashorn, steckt so viel menschliche Dummheit, dass ein ganzes Ökosystem dadurch zerstört zu werden droht. Tatsächlich beläuft sich die Zahl aller natürlichen Aphrodisiaka auf: Null. Zugesprochen wurden aphrodisische Kräfte seit ewigen Zeiten a) allem, was selten, exotisch, neu oder teuer ist, b) scharf gewürztem Essen, das den Stoffwechsel anregt und Hitze im Körper erzeugt, c) Essen, das wie ein Penis oder eine Vagina aussieht oder d) Essen, dass wirklich ein Penis oder eine Vagina ist oder ein Ei. Austern zum Beispiel bestehen größtenteils aus Wasser, Eiweiß, Salz, Zink, Eisen und kleinen Anteilen aus Kalzium und Kalium. Sie sind nicht mehr Aphrodisiakum als eine in Salzwasser getunkte Vitaminpille, sehen aber verführerischer aus. In der Vergangenheit sprachen wir sexuelle Potenzsteigerung recht wahllos Schokolade zu, Spargel, Karotten, Honig, Brennnesseln, Senf oder Spatzen. Für Shakespeare war die Kartoffel noch etwas Seltenes und Exotisches, und in seiner Zeit galt sie als Aphrodisiakum: ‚Lasst den Himmel Kartoffeln regnen, ruft Falstaff in den ‚Lustigen Weibern von Windsor‘, ‚lasst ihn donnern zur Melodie von Greensleves, lasst ihn Muskatnuss hageln und Mannstreu schneien, lasst ihn einen Sturm der Erregung entfachen.‘ Ach, wenn wir nur dahin zurück könnten, zurück zur Kartoffel, wie viel wäre gewonnen.“

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