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Digitale Umwandlung: Mit der Neuerfindung der Pauschalreise flüchtet TUI nach vorn – WELT


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Mit der Neuerfindung der Pauschalreise flüchtet TUI nach vorn

| Lesedauer: 4 Minuten

11.02.2020, Niedersachsen, Hannover: Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender der Tui Group, spricht während der Hauptversammlung der Tui Group. Der weltgrößte Reisekonzern Tui legte seine Geschäftszahlen für das erste Quartal vor. Foto: Peter Steffen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ 11.02.2020, Niedersachsen, Hannover: Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender der Tui Group, spricht während der Hauptversammlung der Tui Group. Der weltgrößte Reisekonzern Tui legte seine Geschäftszahlen für das erste Quartal vor. Foto: Peter Steffen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender der TUI, bei der Hauptversammlung in Hannover

Quelle: dpa

Für TUI war die Thomas-Cook-Pleite ein Warnruf. Konzernchef Joussen plant nun die volle Digitalisierung des Geschäfts. Die Wahlfreiheit des Kunden soll dramatisch wachsen. Die Aktionäre müssen Einbußen bei der Dividende hinnehmen.

Nach Jahren des stetigen Wachstums hatte TUI-Chef Friedrich Joussen auf dem Aktionärstreffen plötzlich einen schweren Stand: Der Brexit und das Boeing-Desaster um den Unglücksflieger 737 Max hatten das operative Ergebnis des Reisemarktführers aus Deutschland um 26 Prozent einbrechen lassen.

Auch hatte die Insolvenz des Wettbewerbers Thomas Cook gezeigt, dass im Tourismus trotz stetig wachsender Urlauberzahlen beträchtliche Risiken schlummern. „Die Marktbereinigung setzt jetzt ein“, beschwor Joussen die in Hannover versammelten Anteilseigner: Die Cook-Pleite dürfe nicht bedeuten, „dass wir jetzt nicht mehr der vorletzte, sondern der letzte Dinosaurier sind“.

Joussen plant deshalb die nächste große Transformation des Konzerns. Und bei der sei „auch für den Kunden viel drin“. Nach dem ersten Umbau vom reinen Reiseveranstalter zum integrierten Tourismuskonzern mit eigenen Hotelketten, Flugzeug- und Kreuzfahrtflotten forciert der Konzernchef jetzt die Umwandlung zum „digitalen Plattformunternehmen“.

Das Produkt Pauschalurlaub könnte sich dadurch fundamental ändern, machte der studierte Ingenieur und frühere Vodafone-Deutschland-Chef klar. Die Wahlfreiheit des Kunden soll dramatisch wachsen.

„30 Prozent buchen ein Wunschzimmer“

Denn bisherige Buchungssysteme arbeiten branchenweit auf der Basis von Zimmerkategorien. Das neue TUI-System soll es den angeschlossenen Hotels jedoch ermöglichen, Zimmer differenzierter und bis auf die Ebene einer einzelnen Übernachtung zu vermarkten. Für Zimmer mit Morgen- oder Abendsonne, mit Garten- oder Meerblick können dann zum Beispiel separate Preise aufgerufen werden, ebenso etwa für Räumlichkeiten mit garantierter Babyfon-Reichweite. „30 Prozent unserer Kunden buchen ein Wunschzimmer“, sagte Joussen. Das neue Softwaresystem werde Hoteliers erfinderisch machen, die individuellen Vorlieben und Bedürfnisse ihrer Gäste besser bedienen zu können.

Zusätzlich sollen alle Informations- und Buchungsprozesse mit dem Kunden künftig „echtzeitfähig“ werden, kündigte Joussen an. Der Kunde solle Empfehlungen und Reaktionen auf Anfragen nicht Stunden später per E-Mail, sondern sofort bekommen, „während er noch in der App ist und wir seine Aufmerksamkeit haben“.

Dahinter liege ein sehr aufwendiges, weltweit einheitliches Softwaresystem, das alle Systeme und Prozesse des Konzerns über alle Teilmärkte hinweg vereinheitlicht. Darüber sollen auch neue Quellmärkte erschlossen werden, in denen TUI bislang noch relativ wenig Kunden hat, wie zum Beispiel China, Indien, Brasilien oder auch Spanien und Portugal. Das Projekt, das bis Mitte nächsten Jahres umgesetzt sein soll, ist laut Joussen „mit Abstand das größte Transformationsprojekt der Firmengeschichte“.

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Die Vision von der technologischen Weiterentwicklung des Reisegeschäfts war einer der Gründe, warum die TUI-Aktie am Dienstag zu den größten Gewinnern an der Börse gehörte. Ebenso stark wirkte die Aussicht auf große Zuwächse infolge der Thomas-Cook-Insolvenz. „Alleine bei den wichtigen Sommerbuchungen wachsen wir derzeit mit 14 Prozent“, stellte der Konzernchef fest. Nach dem Cook-Aus habe TUI „praktisch sofort deren Hotels in unser Programm aufgenommen“. Der Januar 2020 sei bereits „der mit Abstand beste Buchungsmonat der Firmengeschichte“ gewesen. „Der Reisemarkt in Deutschland und Großbritannien wird voraussichtlich schrumpfen, aber wir werden Marktanteile gewinnen.“

Solche Stimmungsaufheller hatten die Aktionäre auf dem Treffen in Hannover auch bitter nötig. Schließlich sollten sie eine um 25 Prozent verringerte Dividende akzeptieren. Zugleich sollten sie dem Vorstand aber auf Vorschlag von Aufsichtsratschef Dieter Zetsche großzügigere Bonuszahlungen genehmigen.

Die Regelungen für die flexiblen Vergütungen waren vor zwei Jahren so eng gefasst worden, dass die Manager zuletzt keine Extrazahlungen mehr erhalten hatten. Das Anreizsystem für Managementleistung könne so keine Wirkung entfalten, argumentierte Zetsche. Die kurz- und langfristigen Boni machen mehr als 60 Prozent des Managergehalts aus, die fixe Vergütung 25 Prozent. Die Lust der Aktionäre, der Neuregelung der Vorstandsvergütung zuzustimmen, hielt sich angesichts der Dividendenkürzung allerdings in Grenzen.

Passagierzahlen sinken drastisch

Die Passagierzahlen der deutschen Fluglinien sind im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Besonders groß war das Minus im letzten Quartal. Deshalb ziehen die Fluggesellschaften nun Konsequenzen.

Quelle: WELT/Thomas Laeber

Außerdem hatte Joussen weitere Hiobsbotschaften dabei: So rechnet der TUI-Chef nicht mehr damit, in diesem Jahr noch Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max nutzen zu dürfen. 55 Maschinen müssen deshalb – zum Teil mit Crew – zusätzlich geleast werden. Nachdem dafür bereits im vergangenen Jahr Kosten von 300 Millionen Euro angefallen waren, fielen 2020 weitere 350 Millionen wegen des Boeing-Desasters an.

Nach dem Absturz zweier Maschinen des Typs Boeing 737 Max gilt ein allgemeines Startverbot für dieses Flugzeug. Der Ausfall bedeute für die TUI-Flotte einen „enormen wirtschaftlichen Schaden“, bedauerte Joussen. Doch Nachfragen vieler Aktionäre, ob und in welcher Höhe TUI bei Boeing Schadenersatz geltend mache, beantwortete er ausweichend: „Man sollte nicht über ungelegte Eier gackern“, sagte Joussen. Die Verhandlungen würden „mit großer Sorgfalt geführt“.

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